Frieren Pferde bei den Temperaturen in unseren Breitengraden überhaupt? Ist eine Decke für Pferde wirklich ein Muss? Was sagt die Wissenschaft? Was gilt es beim Eindecken zu beachten?

In der aktuellen Western News der AWA – Austrian Western Riding & Breeding Assoc. haben sich Dr. Petra Weiermayer und Dr. Erich Scherr mit dem Eindecken der Pferde beschäftigt. Aber lesen Sie selber …

Braucht mein Pferd eine Decke?

Mensch und Pferd besitzen ein unterschiedliches Wärme- und Kälteempfinden.
Das sorgt häufig für Fehleinschätzungen, wann ein Pferd friert bzw. wann es eine Decke benötigt.

Jeder Mensch hat seine eigene Wohlfühltemperatur, am angenehmsten empfinden die meisten den Bereich rund um 25 Grad Celsius. In der kalten Jahreszeit gibt es kaum jemanden, der ohne Pulli und Jacke im Freien unterwegs ist.

Pferde sind anders und sind zumindest in freier Wildbahn regelmäßig großen Temperaturunterschieden ausgesetzt. Ihr Wohlfühlbereich bewegt sich laut wissenschaftlichen Erkenntnissen zwischen 5 und 15 Grad. Dennoch gibt es sogar für einen Frischluftfanatiker wie dem Pferd ungünstige Witterungsbedingungen, die dazu führen können, dass es friert. Im Herbst und Winter sind das insbesondere Dauerregen und/oder niedrige Temperaturen verbunden mit Wind. Ob Pferde bei diesen Bedingungen eingedeckt werden sollten, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Umgang mit Kälte unter „natürlichen“ Bedingungen

Die Wärme im Körper des Pferdes wird kontinuierlich als Nebenprodukt des Stoffwechsels erzeugt. Um den Wärmeverlust während der kalten Jahreszeit zu kontrollieren, hat die Natur das Pferd mit weiteren äußerst effizienten anatomischen, physiologischen und verhaltensbezogenen Thermoregulationsmechanismen ausgestattet. Damit diese „natürlichen“ Wärmeregulierungsmechanismen möglichst effizient oder überhaupt genutzt werden können, würde das domestizierte Pferd vom Menschen im Grunde nichts weiter als die Bereitstellung von Lebensbedingungen benötigen, die seine natürlichen Bedürfnisse erfüllen: ein Leben in der Herde, Bewegungsfreiheit rund um die Uhr, hochwertiges Raufutter ad libitum und einen windgeschützten Unterstand.

Da Haut und Fell sehr gute Isolatoren sind und Muskeln durch Bewegung Wärme produzieren, ist es für Pferde viel einfacher, sich bei kaltem Wetter aufzuwärmen, als sich bei heißem Wetter oder nach intensiver körperlicher Betätigung abzukühlen.

Isolierung durch aufgestellte Haare

Pferde können nicht nur ihr Fell wachsen lassen, sondern auch die Isolierung des Fells durch den Mechanismus der Piloerektion erhöhen, d. h. durch das Anheben, Absenken oder Drehen jedes einzelnen Haars im Fell in verschiedene Richtungen mittels der Haaraufrichtemuskeln. Zudem sind die Haare mit einer fettigen Substanz bedeckt, die eine wasserabweisende Wirkung hat und dazu beiträgt, dass an regnerischen oder verschneiten Tagen keine Feuchtigkeit an die Haut des Pferdes gelangt. Das Wasser läuft an den äußeren Haaren herunter, während das tieferliegende Fell trocken bleibt. Durch regelmäßiges Bürsten und Shampoonieren des Fells wird diese fettige Substanz entfernt und die wasserabweisende Wirkung beeinträchtigt. Übrigens dient die Schmutzschicht nach dem Wälzen im Schlamm als Schutz gegen Insekten und hat bei warmem Wetter auch eine kühlende Wirkung.

Einfluss von Fettschicht und Futter

Gesunde Pferde mit einer dickeren Fettschicht haben ein vergleichsweise kürzeres Winterfell als Pferde mit weniger Fett. Wenn jedoch die Stoffwechselerkrankung des Equinen Cushing Syndroms, eventuell noch in Kombination mit Equinem metabolischem Syndrom vorliegt, ist oftmals trotz vorhandener Fettschicht ein übermäßig langes Fell zu beobachten. Ein Übermaß an langem Haarkleid sehen wir auch oft bei unterernährten bzw. kranken oder alten Tieren, die aufgrund von Schmerzen, Zahnproblemen usw. Schwierigkeiten haben, ihr Gewicht zu halten oder/und unter Stoffwechselerkrankungen leiden.

Und nicht zuletzt steigert eine erhöhte Futteraufnahme die Wärmeproduktion im Körper des Pferdes. Aufgrund dieses thermoregulatorischen Faktors ist es von Bedeutung, wenn ein gesundes Pferd speziell im Winter über 24 Stunden am Tag freien Zugang zu Raufutter hat.

Wärmeerzeugung durch Zittern

Unter extremen Umständen können Pferde durch Zittern Wärme erzeugen. Zittern ist meist eine akute Reaktion auf plötzliche Kälteeinwirkung und kann die Wärmeproduktion um das Fünffache innerhalb weniger Sekunden erhöhen. Manchmal tritt es aber auch bei längerer Kälteeinwirkung bei Regenwetter auf. Zittern verbraucht auf jeden Fall viel Energie. Nicht nur aus diesem Grund benötigt ein bibberndes Pferd möglichst rasch Unterstützung. Falls das Pferd gesund ist, fehlt es vielleicht nur an einer Unterstellmöglichkeit oder diese ist für die rangniedrigen Tiere nur schwer zugänglich. Ein Witterungsschutz erfüllt jedoch nur dann seine Funktion, wenn er allen Pferden gleichzeitig Schutz vor ungünstigen Witterungseinflüssen bietet. Wenn die Fütterungs- und Haltungsbedingungen optimiert sind und das Pferd zittert, sollte tierärztlicher Rat in Anspruch genommen werden.

Einige Aspekte zum Eindecken der Pferde

Nach diesem kurzen Exkurs ist verständlich, dass die weit verbreitete Praxis, Reitpferde zu scheren, den Wärmeregulierungsfaktor des Fells vollständig ausschaltet. Aber auch das Eindecken bringt das Thermoregulationssystem durcheinander. Ein Pferd kann den Wärmebedarf in bestimmten Körperbereichen nicht erhöhen. Wenn es also versucht, die der Kälte ausgesetzten Körperteile wie Kopf, Hals, Bauch und Beine zu erwärmen, überhitzt das Pferd an den von der Decke bedeckten Stellen. Das Schwitzen unter einer Decke ist für das Pferd stoffwechseltechnisch problematischer als man denkt.

Was Wissenschaftler sagen

Bei moderaten Temperaturen benötigen Pferde im Normalfall keine Decke. Laut einer Untersuchung von Nadia Cymbaluk zum Thema müssen erwachsene Pferde im Schnitt erst ab minus 15 Grad durch den Stoffwechsel mehr Wärme produzieren, um ihre Körpertemperatur konstant zu halten. Auch Marcia Hathaway sieht erst ab Temperaturen von unter minus 15 Grad eine Notwendigkeit, Pferde einzudecken. Das gilt allerdings für erwachsene, an Kälte gewöhnte Pferde mit Winterfell und wenn während der Auslaufzeiten ein Unterstand zur Verfügung steht. David Marlin, der sich ebenfalls wissenschaftlich mit der Thermoregulation von Pferden beschäftigt, definiert die thermoneutrale Zone, in der Pferde ihre Körpertemperatur leicht konstant halten können, zwischen null und 25 Grad.

Was Pferde „sagen“

Um zu untersuchen, ob Pferde das Tragen einer Decke mögen oder nicht, trainierte eine Forschergruppe rund um die Norwegerin Cecilie Mejdell Pferde darauf, eine einfache „Zeichensprache“ zu verwenden, um ihre Vorlieben für das Tragen von Decken auszudrücken. Die Pferde wurden auf ihre Vorliebe bei verschiedenen Wetterbedingungen getestet: darunter Temperaturen von plus 23 bis minus 16 Grad, Windgeschwindigkeiten bis zu 14 m/s und starker Regen. Bei den 23 untersuchten Pferden fanden die Forscher keine Anzeichen dafür, dass das Tragen einer Decke generell als unangenehm empfunden wurde, die von den Pferden gezeigten Präferenzen entsprachen gut den Vorhersagen zu den thermoregulatorischen Herausforderungen. Kein Pferd zeigte an, bei sonnigem Frühlings- und Sommerwetter lieber eine Decke zu tragen, während die meisten bei kühlem Wetter in Kombination mit Regen und Wind eine Decke verlangten. An einem windigen (14 m/s) und regnerischen Tag bei 6 Grad wollten alle getesteten Pferde eine Decke tragen. Bei Lufttemperaturen unter minus 10 Grad wollten 80–90 % der Pferde eine Decke tragen, und bei einer Lufttemperatur von über 20° C wollten alle Pferde ohne Decke sein.

Wann eine Decke zweckmäßig ist

Bei langanhaltenden Niederschlägen in Kombination mit Wind oder Kälte wird die Isolationsfunktion durch das nasse Haarkleid herabgesetzt. Ob bei solchen Bedingungen eine Decke notwendig ist, hängt auch von den Umständen ab. In der Natur stellen sich Pferde mit der Kruppe gegen den kalten Wind und senken den Kopf, so dass der Wind über sie hinwegbläst. Dadurch wird der Wärmeverlust gesenkt. Oder Pferde suchen einen Windschutz auf, z. B. einen Unterstand oder das Stallgebäude. Fehlt das schützende Dach über dem Kopf, kann eine Decke gute Dienste leisten. Auch dann, wenn die körpereigene Thermoregulation nicht mehr so gut funktioniert. Im Alter verlangsamen sich alle Stoffwechselprozesse, auch die jahreszeitliche Anpassung an die Witterung. Dies trifft auch auf chronisch oder schwer kranke Tiere zu.

Pferde mit Winterfell schwitzen im Training und brauchen danach lange, bis sie trocken sind. Die wenigsten Reiter haben die Zeit, ihr Pferd eine Stunde oder länger trocken zu reiten. Auch ist es für Pferde in Aktiv- und Offenställen gesundheitlich bedenklich, sie mit einer Restfeuchte nach draußen zu stellen. Ein absolutes Muss ist eine Decke jedenfalls bei geschorenen Pferden.

Generell lässt sich sagen: Für ungeschorene Pferde reichen Decken mit 50- bis 100-Gramm-Füllung, geschorene Pferde kommen mit Füllungen zwischen 100 und 200 Gramm gut aus, wobei individuelle Unterschiede berücksichtigt werden müssen, da die Thermoregulation von pferdespezifischen Faktoren wie Alter, Rasse, physiologischer Zustand, Akklimatisierung, Haarkleidqualität, Fütterung und Körperzustand abhängig ist.

Größere Temperaturschwankungen sind problematisch

Während ein intaktes Winterfell Temperaturunterschiede problemlos bewältigt, sorgt der Pferdemantel durchgehend für das gleiche Maß an Wärme. Das kann schnell zu wenig oder aber auch zu viel sein. Zwar versprechen manche Decken eine große Bandbreite an Außentemperaturen abzudecken, in der Praxis stoßen solche Modelle jedoch oft bei geringen Temperaturschwankungen an ihre Grenzen. Man sollte auf jeden Fall bedenken, dass eine Decke, die bei Sonnenschein getragen wird, selbst beim ruhenden Pferd die kühlende Wirkung natürlicher physiologischer Wärmeableitungsmechanismen, wie die Erweiterung der Blutgefäße und das Schwitzen bei steigender Umgebungstemperatur, behindern kann.

Wer sich dafür entscheidet, sein Pferd einzudecken, muss deshalb die Außentemperatur ständig im Blick behalten. Schwanken die Grade zwischen Tag (z. B. bei ungetrübtem Sonnenschein) und Nacht (sternenklarer Himmel) deutlich, kann ein mehrmaliger Deckenwechsel durchaus vonnöten sein. Es ist also ratsam, sein Pferd genau zu beobachten, um herauszufinden, ob es sich wohlfühlt. Das Fühlen der Hauttemperatur im Lendenbereich kann dazu Aufschluss geben. Wenn das Pferd schwitzt und/oder eine deutlich erhöhte Atemfrequenz zeigt, ist die Decke auf jeden Fall zu warm.

Die Thermoregulation ist das Ergebnis komplexer und ausgefeilter biologischer Prozesse, die von vielen Umweltfaktoren und nicht nur von der Umgebungstemperatur beeinflusst werden. Aus den genannten Gründen sollten Decken unbedingt nach den individuellen Bedürfnissen des jeweiligen Pferdes ausgewählt werden.

Die Individualität findet sich auch in der Homöopathie, nämlich in der Auswahl des homöopathischen Arzneimittels anhand der individuellen Symptome wieder. Eine homöopathische Therapie kann nach entsprechender diagnostischer Abklärung bei Thermoregulationsstörungen von einem/einer homöopathischen Tierarzt/Tierärztin unterstützend im Sinne der integrativen Medizin empfohlen werden. Entsprechend ausgebildete homöopathische TierärztInnen finden Sie auf der Webseite der Österreichischen Gesellschaft für Veterinärmedizinische Homöopathie, www.oeghv.at/tierarztsuche.

Ob eingedeckt oder ohne Decke – wir wünschen euch und euren Pferden auf alle Fälle eine gesunde Wintersaison und melden uns in der nächsten Ausgabe wieder.

Dr. Petra Weiermayer & Dr. Erich Scherr